Leuchtende Märkte
Ähnlich drastisch werden die Einspareffekte im Bereich der Beleuchtung beziffert: Rund 20 Prozent der europäischen Stromproduktion gehen auf deren Konto. Würde man sämtliche Leuchtkörper gegen Leuchtdioden austauschen, könnte man ebenfalls 50 Prozent der dafür aufgewendeten Energie einsparen. Bereits in wenigen Jahren, schätzen Spezialisten, wird die Halbleitertechnologie auch in der Beleuchtungsindustrie das Maß der Dinge sein: Alle Kräfte konzentrieren sich hier mittlerweile auf die Entwicklung effizienter weißer Leuchtdioden (siehe Grafik Seite 64). Die jüngste Generation dieser LED-Lampen hat mit einer mittleren Lebensdauer von 25000 bis 40000 Stunden in den vergangenen zwei Jahren endlich die Marktreife erreicht.
Und ihre Effizienz liegt mittlerweile etwa gleichauf mit der von kompakten Leuchtstofflampen, auch als "Energiesparlampen" bekannt: Pro Watt elektrischer Leistung erzeugen weiße LEDs mit rund 100 Lumen einen ähnlich starken Lichtstrom wie diese – der Rekordwert im Labor lag 2009 bereits bei 193 Lumen pro Watt. Bis 2020, davon sind die Hersteller überzeugt, sind auch 250 Lumen pro Watt machbar.
Das Photonik-Geschäft boomt, und die deutsche Industrie ist vorn mit dabei: Mit rund 20 Milliarden Euro Umsatz jährlich erwirtschaftet die hiesige Photonik-Branche gut sieben Prozent des weltweiten Umsatzes mit optischen Technologien, der bei über 250 Milliarden Euro liegt. Vor allem Fortschritte in der Halbleiter-Produktionstechnik verschafften den optischen Technologien einen rasanten Aufschwung, der sich in Zukunft noch weiter steigern soll. Bis 2015 rechnet die Branche weltweit mit einem durchschnittlichen Wachstum von 7,6 Prozent pro Jahr.
Doch die Halbleitertechnik, die sowohl in Sachen Laser als auch bei der Beleuchtung für eine "technologische Revolution" sorgen soll, birgt nicht nur Chancen, sie bringt auch Gefahren mit sich: Vor allem asiatische Hersteller mit traditionell hoher Kompetenz in der Halbleitertechnik tauchen nun auch auf anderen Märkten wie etwa in der Beleuchtungsindustrie auf: Sharp, Toshiba, Panasonic, Samsung sind ökonomische Schwergewichte im Vergleich zu einer überwiegend mittelständisch geprägten deutschen Photonik-Industrie. Sie können für Forschung und Entwicklung ganz andere Summen aufbringen als die hiesige Wirtschaft: Das deutsche Unternehmen Leica Microsystems aus Wetzlar etwa, nach eigenen Angaben weltweit führender Hersteller von optischen Mikroskopen, kommt auf einen Jahresumsatz von knapp 800000 Euro, die Trumpf AG aus dem schwäbischen Ditzingen, Weltmarktführer bei Lasern, gehört mit rund zwei Milliarden Euro schon zu den Riesen in der Branche.
Dazu kommt, dass die deutsche Photonik-Industrie bisher in drei separate Industrieverbände aufgespalten ist: in den Spectaris genannten Verband der Deutschen Hightech-Industrie, den Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) und den Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). In Zukunft aber wird sie sich zusammenraufen müssen, denn sie verlangt Unterstützung von der Politik, um ihre führende Weltmarktposition halten zu können: Ende März trafen sich deshalb rund 300 Verbandsdelegierte in Berlin, um über die "Zukunftsstrategie zur Nutzung des Rohstoffs Licht" zu diskutieren. In einem gemeinsamen "Masterplan Forschung und Entwicklung" für Wirtschaft und Politik soll eine Roadmap der photonischen Industrie bis 2020 festgelegt werden. Die Diskussion lief unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Das Ergebnis soll im Herbst dem Bundesforschungsministerium vorgelegt werden. Einzelheiten will man vorab nicht nennen.
Das ist wenig erstaunlich, denn die Konkurrenz der Lobbyisten schläft nicht. Ob Automobilindustrie, Telekommunikation oder Cleantech-Branche – die Liste der Begehrlichkeiten an die Politik ist lang. Wie kann man sich gegen diese Konkurrenz durchsetzen? "An sich ist die Branche nicht besonders groß", räumt Ulrich Simon, stellvertretender Vorsitzender des Industrieverbandes Spectaris und Geschäftsführer der Carl Zeiss Microlmaging GmbH ein. "Aber sie hat ganz oft eine Enabling-Funktion – die Technologie macht bestimmte andere Technologien erst möglich."



